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Fachkräftenachwuchs – iPads und Mopeds sind keine Motivation

Die Unternehmen tun sich zunehmend schwerer, geeignete Kandidaten zu finden. Vor allem in den Mint-Berufen, aber auch im Handel und in der Gastronomie bleiben viele Stellen offen. Dennoch findet nicht jeder Bewerber einen Ausbildungsplatz. Ein Experte erklärt, was sich ändern muss.

Stuttgart - Die duale Ausbildung steckt in der Klemme: Den Betrieben fällt es immer schwerer, ihre Lehrstellen zu besetzen. Die Bewerber können dagegen aus einer Fülle von freien Ausbildungsplätzenwählen. Dieses schöne, aber trügerische Bild entlockt Sebastian B. nur ein resigniertes Schmunzeln. Seine Situation sieht anders aus: Mehr als 15 Bewerbungen hat der 16-Jährige abgeschickt, nur einmal wurde er zum Vorstellungsgespräch eingeladen, eine Zusage gab es danach nicht. An Motivation mangelte es dem jungen Mann am Ende seiner neunjährigen Schulzeit nicht. Andere typische Hemmnissebeim schwierigen Übergang von der Schule ins Berufsleben könnten einem direkten Einstieg allerdings im Weg stehen: Hauptschulabschluss, mäßige Noten, Defizite in Mathematik, vielleicht auch der persönliche Eindruck beim Arbeitgeber.

Martin Frädrich, Ausbildungsexperte bei der IHK Region Stuttgart, kennt solche Fälle und räumt unumwunden ein, dass es immer noch eine relativ hohe Zahl von Jugendlichen gibt, die sich nicht ohne Weiteres in den Ausbildungsmarkt integrieren lassen, Fachkräftemangel hin oder her. Einer der Gründe dafür, an dem vor allem die jungen Bewerber selbst etwas ändern könnten, sei das sogenannte Matching. Arbeitsmarktexperten benutzen den Begriff, der auf Deutsch mit „Anpassung“ oder „Abstimmung“ übersetzt wird und beschreibt, wie gut Mitarbeiter und Betrieb zusammenpassen; oder auch nicht, dann spricht man von „Missmatch“. Dieses Missmatch, gepaart mit der mangelnden Mobilität der Bewerber, ist auch der Hauptgrund dafür, wieso selbst bei einem höheren Angebot an freien Stellen manche Bewerber keinen Ausbildungsplatz finden: Wenn ein Friseur in Mannheim eine freie Lehrstelle hat, aber keinen Bewerber findet, nützt es ihm auch nichts, wenn am Bodensee ein junger Mensch mit Traumberuf Friseur sitzt, aber nicht umziehen möchte.

Bewerber sollten einen Plan B in der Tasche haben


Mit den Worten „Traum-“ oder „Wunschberuf“ tut sich Martin Frädrich schwer. Er rät jungen Männern und Frauen dazu, sich nicht auf einen bestimmten Beruf festzulegen, sondern lieber noch einen Plan B in der Tasche zu haben. „Es gibt Berufe mit starker Konkurrenz und welche, bei denen die Chancen größer sind, auch jetzt noch einen Platz für den kommenden Herbst zu finden“, sagt er. Als Beispiele nennt Frädrich den Einzelhandel, den IT-Bereich, das Hotel- und Gaststättengewerbe, aber auch die Bau- und Gebäudetechnik sowie das Speditions- und Logistikgewerbe. Auf einer aktuellen Liste der Bundesagentur für Arbeit mit bundesweit 48 Engpassberufen finden sich auch 17, die in einer dualen Ausbildung erlernt werden können.

Immer wieder käme es in Bewerbungsgesprächen zu einer für beide Seiten unbefriedigenden Situation, bedauert Frädrich: nämlich dann, wenn offenbar wird, dass der Kandidat nur unklare bis gar keine Vorstellungen von dem Beruf hat, für den er sich gerade bewirbt. Das ist allerdings nicht allein die Schuld der Bewerber. Aus Sicht des IHK-Experten gibt es nach wie vor einen erheblichen Nachholbedarf in Sachen Berufsinformationen: „Alle Umfragen unserer Kammern zeigen, dass die Informationsphase viel zu kurz kommt.“ Initiativen wie das Landesprogramm der Ausbildungsbotschafter, bei dem Azubis aus erster Hand in den Schulen über ihre Tätigkeiten informieren, sowie weitere Informationsangebotevon IHKs, Handwerkskammern, Verbänden oder Arbeitsagenturen seien vielversprechende Ansätze. Große Erwartungen setzt er in das neue Schulfach „Wirtschaft und Berufsorientierung“, das ab Herbst an den allgemeinbildenden Schulen im Land eingeführt wird, sowie in die Bestrebungen, verstärkt berufliche Orientierung in allen Unterrichtsfächern anzubieten: „Wenn es gut läuft, könnte jeder Fachlehrer, wo es passt, auf einen Beruf hinweisen“, sagt Frädrich.

Allerdings ist das keine Erfolgsgarantie. Nur weil ein Chemielehrer den Beruf des Chemielaboranten anpreist oder ein Mathelehrer seine Siebtklässler für den Job des Industriemechanikers oder Bauzeichners interessiert, heißt das noch nicht, dass irgendjemand später tatsächlich seine Berufswahl danach ausrichtet. Die Schwierigkeiten der Firmen, gerade in den sogenannten Mint-Berufenmit mathematischen, naturwissenschaftlichen oder technischen Profilen noch ausreichend Nachwuchs zu finden, lassen sich dadurch allein nicht lösen. Auch die Ausbildung von EU-Ausländern oder Flüchtlingenist bisher kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein – lediglich 270 Flüchtlinge im Land haben am Donnerstag eine Lehre begonnen.

Der Experte hält nichts von Lockangeboten für Azubis


Ein anderer Ansatz, um Schulabgänger – insbesondere mehr Abiturienten –, aber auch Studienabbrecher für eine Lehre zu begeistern, sind Angebote vonseiten der Ausbildungsbetriebe, die über die klassische Lehre hinausreichen. Von Lockangeboten hält Frädrich nichts: „Eintrittsgeschenke, egal ob iPads oder Mopeds, sind nicht zielführend.“ Karriereperspektiven schon eher. Attraktive Arbeitgeber würden ihren Schützlingen anbieten, Zusatzqualifikationen schon während der Lehre zu erwerben, sei es durch einen Sprachkurs, eine vertiefende Weiterbildung oder einen Auslandsaufenthalt. Respektvoller Umgang mit den Auszubildenden und ein gutes Betriebsklima sind ebenfalls Qualitätsmerkmale, mit denen sich vor allem kleinere Betriebe im Ringen um die besten Azubis von der Konkurrenz abheben können.

Noch relativ selten werde die Möglichkeit genutzt, dass Lehrlinge mit mittlerer Reife in Zusatzprogrammen die Fachhochschulreife erwerben, bedauert Frädrich. Doch der Druck wachse, nicht nur im Mint-Bereich: „In der Gastronomieund im Handel schlägt der Fachkräftemangel jetzt schon zu Buche“, so der IHK-Vertreter.

Der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Baden-Württemberg hat gerade eine 250 PS starke Werbebotschaft ins Rollen gebracht: Seit Juli tourt ein Bus namens Gastro-Mobil unter dem Motto „Wir Gastfreunde“ quer durchs Land, um an Schulen und auf Berufsmessen für die duale Ausbildung zu werben. Geplant sind allein gut 100 Schulbesuche in den kommenden Monaten. „Die Jugendlichen können in dem multimedialen Bus die Berufe des Gastgewerbes mit hohem Spaßfaktor erleben und erfahren gleichzeitig, wo sie sich in ihrer Region bewerben können“, erklärt der Dehoga-Landesvorsitzende Fritz Engelhardt die Kampagne. Dazu verstärkt der Verband auch die Förderung von Azubis und Ausbildern.

Von Thomas Thieme, Stuttgarter Nachrichten 03. September 2016