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Herausforderung Ausbildung – Der erste Schritt in die Gesellschaft

Das Ausbildungsjahr hat begonnen: Welche Berufe sind gefragt, wer hat Chancen? Unsere Serie gibt Antworten und zeigt, welche neuen Berufe das digitale Zeitalter ­hervorbringt, und welche alten Berufe überleben. Heute: Die Integration der Flüchtlinge ist eine Mammutaufgabe.

Stuttgart - Für Masoud Azizian geht Mitte September ein Traum in Erfüllung. Der 26-jährige Iraner beginnt bei Daimler in Sindelfingen eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker. „Bis vor kurzem dachte ich noch: Ich und Daimler? Niemals! Ich habe null Prozent Chance“, sagt er. Azizian ist ein politischer Flüchtling, vor vier Jahren floh er aus Teheran, seitdem wird er dort gesucht. Als er in Deutschland ankam, hatte er hier weder Freunde noch Verwandte und ihm fehlten die wichtigsten Voraussetzungen, um eine Arbeit zu bekommen: „Ich habe kein Wort Deutsch gesprochen und meine Zeugnisse waren alle noch in Teheran“, erzählt er.

„Die Betriebe sind bereit auszubilden, aber es fehlen die geeigneten Flüchtlinge“, sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Die Arbeitsagenturen sehen zum Ausbildungsbeginn ein Potenzial von 800 ausbildungsgeeigneten und ausbildungswilligen Flüchtlingen. Das Sprachniveau sei dabei die größte Hürde, sagt die Sprecherin.

Berufsschulpflicht bis zum 25. Lebensjahr ist in der Diskussion


Das sieht auch Herbert Huber, der Präsident des baden-württembergischen Berufsschullehrerverbands so. „Das Ziel muss B2 sein“, sagt er. Auf diesem Sprachniveau kann man sich laut Europäischem Referenzrahmen spontan und fließend verständigen und auch Fachdiskussionen im eigenen Spezialgebiet verstehen. Dies müsse laut Huber in den Vabo-Klassen geschehen. Vabo steht für Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse und wird an beruflichen Schulen angeboten – wenn die Kapazitäten da sind: „Allein für die Flüchtlingsbeschulung brauchen wir 350 bis 400 Deputate mehr“, sagt Huber. Ein Deputat entspricht einer Lehrerstelle mit 25 Wochenstunden.

Was wäre, wenn die Berufsschulen die Lehrpläne für die Flüchtlinge änderten? „Es wäre nicht im Interesse der Wirtschaft, die hohen Ansprüche an die Ausbildung zu senken“, sagt Huber. Ein weiteres Problem ist das Alter. Knapp 55 Prozent der Asylerstanträge wurden 2015 von Flüchtlingen im Alter von bis zu 25 Jahren gestellt. Die nächstgrößere Gruppe, Alter 25 bis 30 Jahre, macht immer noch über 15 Prozent aus. In der Kultusministerkonferenz wird darüber diskutiert, die Berufsschulpflicht bis zum 25. Lebensjahr auszudehnen – der geförderte Deutsch-Unterricht an den Berufsschulen wäre dann auch noch für jene Pflicht, die älter als 18 Jahre sind und noch keinen Ausbildungsvertrag haben. „In der Politik reift die Erkenntnis, dass wir auch ältere Schüler heranziehen müssen“, sagt Huber.

Die Konzerne indessen verkaufen die wenigen eingestellten Flüchtlings-Azubis als Erfolgsmeldung. So hat Porsche zwei Flüchtlinge als Auszubildende eingestellt, die zuvor an einem Integrationsjahr, einer Vorstufe zur Ausbildung, teilgenommen hatten und dort in Ausbildungsbereiche und Fachabteilungen reinschnuppern konnten. Vorstand und Betriebsrat haben das Integrationsjahr nun in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben.

Brückenpraktika und Orientierungs-Praktika für Flüchtlinge


Auch Daimler bietet derartige Schnupperkurse an, dort heißen sie Brückenpraktika. 14 Wochen lang erlernen die von der Bundesagentur für Arbeit und den lokalen Jobcentern ausgewählten Flüchtlinge praktische Grundkenntnisse zur Arbeit in der Industrie und besuchen täglich einen Deutschkurs. 300 solcher Brückenpraktika hat Daimler im ersten Halbjahr 2016 angeboten. Wer sich gut anstellt, erhält ein Angebot von Zeitarbeitsfirmen, Mittelständlern oder eben direkt von Daimler. Der Autobauer hat zusätzlich zu seinen bestehenden Ausbildungsstellen in diesem Jahr 50 Azubi-Plätze für Flüchtlinge geschaffen. 20 davon konnte er zum Start des Ausbildungsjahrs besetzen, der Rest soll über Einstiegsqualifizierungen nachrücken.

Einen anderen Weg wählt Bosch: Der Zulieferer rekrutiert nicht gezielt unter Flüchtlingen, sondern bietet im Rahmen von Förderprogrammen 400 zusätzliche Orientierungs-Praktika für Flüchtlinge. Damit wolle Bosch einen gesellschaftlichen Beitrag leisten, auch für Mittelständler, die ein solches Angebot nicht stemmen könnten, sagt ein Sprecher.

„Große Betriebe wie Bosch oder Daimler können sich in stärkerem Maße selbst um die Integration von Flüchtlingen in ihre Belegschaften kümmern. Dies trifft allerdings nicht auf die zahlreichen KMU zu, welche einen großen Teil der Fachkräfteausbildung schultern. Deshalb brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz“, sagt Peter Kuhlitz, der Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages. Einen gesonderten Ausbildungspakt nur für Flüchtlinge hält Kuhlitz für falsch. Anlernen müsse man jeden Auszubildenden, „die Zusatzkosten bei einem Flüchtling sind bis zu einem gewissen Grad gesellschaftliche Verantwortung“, sagt er.

Flüchtlinge haben oft keine Zeugnisse


Kuhlitz selbst will dabei mit gutem Beispiel vorangehen: Seiner eigenen, auf Absaugtechnik spezialisierten Firma hat er im vergangenen Jahr eine Flüchtlingsquote verordnet: Zwei Prozent der 200 Mitarbeiter großen Belegschaft in Senden sollen künftig Geflohene sein.

Neben der Sprache gibt es noch ein weiteres Problem: Oft fehlen den Flüchtlingen wichtige Zeugnisse aus der Heimat. Auch Masoud Azizian musste sie umständlich aus Teheran schmuggeln lassen – die Behörden selbst hätten sie ihm nie ausgestellt. Für das Problem fehlender Zeugnisse haben die Kammern nun Möglichkeiten entwickelt, die Kompetenzen der Flüchtlinge zu testen. Im Handwerk beispielsweise gibt es eine Potenzialanalyse, bei der die Flüchtlinge in Arbeitsgenauigkeit, Tempo und Teamfähigkeit getestet werden. Die Analyse funktioniert sprachfrei und kulturneutral über Piktogramme. Im Übrigen bestehe beim Abschluss eines Ausbildungsvertrags keine Pflicht zum Zeugnis, sagt eine Sprecherin der Handwerkskammer. „Und manchmal lässt sich ein Zeugnis auch ersetzen durch Motivation.“ Viele Arbeitgeber im Handwerk meldeten zurück, dass die Zielgruppe sehr motiviert sei.

Masoud Azizian gehört definitiv dazu: in zwei Wochen lerne er im Schnitt 500 neue Wörter. „Derzeit lerne ich alles rund ums Thema Reifen“, sagt er. Azizian weiß schon, was er sich von seinem ersten Azubi-Gehalt kaufen will: ein Teleskop. „Ich beobachte gerne die Sterne.“ Womit er dann auch beim richtigen Autobauer gelandet wäre.

Von Philipp Obergassner, Stuttgarter Nachrichten 10. September 2016